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Al-Kaida im Waschsalon
Posted 10.12.2007 / Author - Bernd Scheuermann / 0 comments in discussion| Reiseerzählung |
Die Alaska Ferry Line verkehrt zwischen Prince Rupert und Skagway. Auf dieser abenteuerlichen Reise durch die Fjordlandschaft Süd-Ost-Alaskas erlebte ich die traumhafte Schönheit der Inselwelt hautnah. Zwar fuhren auch große Kreuzfahrtschiffe auf dieser Strecke, sie waren aber nicht in der Lage die Inland-Passage zu nehmen, weil sie zu großen Tiefgang hatten. Ganz davon abgesehen, dass sie auf der gesamten Reiseroute ein Vermögen kosteten, hatten die Fähren relativ moderate Preise und ich bekam das Gleiche zu sehen. Wer einen Schlafsack mitbrachte, hatte außerdem die Möglichkeit auf dem Sonnendeck zu übernachten - ein großartiger Panoramablick war inklusive. Es gab auf den Fähren natürlich auch Bars und Restaurants. Für Reisende, die auf ein Spielcasino und Swimmingpool verzichten können, sondern nur die Natur genießen möchten, sind auf den Fähren genau auf dem richtigen Dampfer. In Sitka war ich von der Anlegestelle zum Starrigave Campingplatz gelaufen. Bei meiner Ankunft hatte ich aus Unkenntnis dem Campingplatz Wächter übersehen und mein Zelt auf einen Platz aufgestellt, der mir gerade gefiel. Nur kurze Zeit später war die Polizei zur Stelle und klärte mich darüber auf, das die Campingordnung vorsah, sich zuerst beim Camping Host anzumelden. So weit so gut! Am nächsten Tag hatte ich mir Feuerholz besorgt, um auf einen mit Kieselsteinen gefüllten BBQ Grill zu kochen. Kurz, bevor das Feuer so richtig in Gang kam, verließ ich meinen Zeltplatz, um Wasser zu holen. Von weiten hörte ich ein Geräusch, das sich so ähnlich anhörte wie MG-Feuer. Ich brachte es aber nicht in Zusmmenhang mit meiner Feuerstelle. Als ich zurückkam war ein Teil der Kieselsteine auf dem ganzen Zeltplatz verstreut. Neugierig suchte ich nach der Ursache der Explosionen und fand jede Menge Patronen- hülsen in der Feuerstelle. Aufgebracht wendete ich mich an den Camping Host und schilderte ihm, was vorgefallen war. Ich hätte das Augenlicht verlieren können, wenn ich nicht glücklicherweise die Feuerstelle verlassen hätte. Er meinte daraufhin lapidar, dass er den Supervisor informieren werde. Nach meinen Einwand, dass ich keinen Supervisor brauchte, sondern die Polizei, verschwand er in seinen Campingbus. Auf dem Rückweg zum Zeltplatz drehte ich mich noch einmal um und sah, wie er in seinem Bus tobte. Ich musste dringend einkaufen, weil ich keine Zigaretten und Kaffee mehr hatte. Die paar Kilometer nach Downtown Sitka lief ich. Auf der Straße gab es einen Verkehrsstau und ich fragte einen Anwohner, wohin die Autos unterwegs seien. Er gab mir eine ziemlich verblüffende Antwort, die ich zunächst nicht glauben wollte. Die Straße sei nach fünf Kilometer an einem Wendehammer zu Ende. Sie führte wirklich nicht weiter. Im Safeway Supermarkt fiel mir ein, das ich vergessen hatte zwei Äpfel aus der Tasche herauszunehmen, die ich am Vortag gekauft hatte. An der Kasse war ich deshalb ziemlich nervös, weil ich Angst hatte damit erwischt zu werden. Wie sollte ich beweisen, dass ich sie nicht gestohlen hatte. Die Verkäuferin bemerkte meine Unsicherheit und schaute mich mitleidsvoll an. Das war das einzige Mal in den USA, wo ich in den Augen eines Menschen Mitleid sah. Abends saß ich vor dem Lagerfeuer und mir fiel wieder dieses Liebespaar aus Petersburg ein. In Petersburg war ich spät nachts angekommen und auf der Suche nach einem Zeltplatz hatte ich nur ein Privathaus gefunden, dessen Besitzer seinen Garten vermietete. In der folgenden Nacht wurde es so voll, dass Zelt an Zelt stand. Meine Nachbarn waren ein amerikanisches Paar, denen ich nicht nur bei ihren Liebesspielen zuhören durfte, sondern auch bei ihren verbalen Bedrohungen. Er meinte einmal zu seiner Freundin: "I could kill this people." Worauf sie herzhaft lachte. Solche Äußerungen förderten nicht gerade den Tiefschlaf. Am anderen Morgen ging ich zur Laundry, um meine Kleidung zu waschen. Der Toplader fraß jede Menge 50 Cent Stücke. Während ich noch mit der Betriebsanleitung kämpfte, kam jemand herein, den man bereits am Aussehen seine Ignoranz ansah. Er fing sofort mit seinem "questioning" an, woher ich käme, wohin ich ginge, und was ich vom Irak-Krieg hielt. Viel Mühe, die Antworten abzuwarten, gab er sich nicht. Draußen auf der Veranda rief ich von einem Telefon meine Mutter an, während um die Ecke eine Frau lauschte. Als ihr Mann aus dem Waschsalon kam fiel das Wort Al-Kaida. In einem Fenster sah ich mein Spiegelbild und dachte: So sehen die also aus. Ich war nicht wirklich unglücklich darüber, dieses Land wieder zu verlassen. Als ich im Flugzeug saß und die Reifen sich langsam vom amerikanischen Boden ablösten, empfand ich ein merkwürdiges Gefühl der Erleichterung. |
